Natalie Harapat | Canada
Dies ist ein Evergreen meiner Lesungen, ein Evergreen meiner Bühnenerfahrung, einfach ein Text, der mir viel bedeutet und vielen, die ihn bisher gelesen oder gehört haben, etwas gesagt hat. Den teile ich heute mit euch, weil der dritte Advent ist ;)
Natalie Harapat, Autorin, Harapat, Natalie, Entzweit, Schlussausende, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin, Köln, Wetzlar, Gießen, Biebertal
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Dies ist ein Evergreen meiner Lesungen, ein Evergreen meiner Bühnenerfahrung, einfach ein Text, der mir viel bedeutet und vielen, die ihn bisher gelesen oder gehört haben, etwas gesagt hat. Den teile ich heute mit euch, weil der dritte Advent ist ;)

Canada

Dies ist ein Evergreen meiner Lesungen, ein Evergreen meiner Bühnenerfahrung, einfach ein Text, der mir viel bedeutet und vielen, die ihn bisher gelesen oder gehört haben, etwas gesagt hat. Den teile ich heute mit euch, weil der dritte Advent ist 😉

 

Canada

 

Ich packe meine Sachen und reise nach Canada.

Ich vermiete dafür meine Wohnung neu, sie ist jetzt nicht mehr meine.

Ich verkaufe meine Möbel, sie gehören jetzt nicht mehr mir.

Ich packe eine Tasche, die ich auf meinen Rücken heben und tragen werde.

Es wird so toll sein in Canada.

 

Ich hau ab, ich bleib hier nicht mehr, ich geh’ nicht mehr jeden Tag zur Arbeit wie alle anderen.

Ich gehe stattdessen in den Wald oder fange einen Fisch,

aber ich geh’ nicht wie alle arbeiten.

 

Nicht mehr.

Ich bin jetzt wer anders.

Ich bin nicht mehr ich.

Ich bin neu.

 

Dieser Trott in dem ich stecke, da will ich raus.

Diese Luft, diese Immergleiche, davon wird mir schlecht.

Das Wetter kotzt mich an, meine Freizeit ist für’n Arsch,

ich will nach Canada, da wird alles anders sein.

 

Nur noch selten bin ich rausgegangen, nur noch wenn ich musste,

zur Arbeit, zum Einkaufen, zur Familie.

Ansonsten hab ich mich auf meine Couch gelegt und Löcher in die Decke, den Fernseher oder das Kissen geguckt.

Aber ich brauche euch alle nicht mehr, ich geh’ nach Canada.

 

Ich sehe keinen anderen Ausweg.

Ich will keinen anderen sehen.

Niemand kann mir helfen, keiner mich halten.

Alles beschwert und belastet mich und nährt meinen Wunsch noch mehr.

Ich bin gefangen und muss mich endlich davon befreien.

 

Alles andere lasse ich zurück.

Ich vertröste alle.

Ja, ich komme zurück.

Dabei will ich das gar nicht.

Ich will nicht zurück.

Ich will was anderes und das nicht nur auf Zeit.

 

Ich mache eine Verabredung mit allem mir Bekannten aus, die ich nicht einhalten werde und der einzige, der davon weiß, bin ich und bleibe ich.

Das werde ich euch nicht erzählen, das geht euch auch gar nichts an.

 

Ich habe so viel Zeug, das passt nicht alles in meine Tasche und zu schwer ist es auch noch.

Meinen Geburtstag lege ich mit meinem Abschied zusammen.

Pflichtbewusst tauchen sie auf, diese sogenannten Freunde.

Und ich denke mir nur:

Tschüss ihr Säcke.

Lebt doch alle euer langweiliges Leben weiter.

Macht Kinder und heiratet

während ich verschwinde,

unauffindbar werde,

mich im Nichts der Welt verliere,

in ihrer Sinnlosigkeit,

in ihrer Unendlichkeit.

 

Und ihr werdet darauf hoffen, dass ich zurückkomme.

Aber ich bleibe weg, ich komm nie wieder.

Ich werde mich auf einen Felsen setzen und auf einen Fluss gucken,

ich werde die Sonne anzwinkern und mich im Wasser sehen, wie ich meine Füße baumeln lasse.

Ich werde einfach dort sitzen bleiben, bis die Sonne mit dem Mond den Platz tauscht. Der Mond wird auf dem Fluss schwimmen und ich werde ihn dabei beobachten.

Es wird kalt werden,

es wird Schnee geben.

Ich werde dort sitzen und mir ansehen wie der Fluss zufriert und alles Leben sich zurückzieht, während mein Atem sichtbar wird.

Mein Leben sichtbar wird.

 

Es ist doch egal, was der Sinn von allem ist.

Es ist doch so egal, ich mach’ da nicht mehr mit, ich gebe alles auf, was gemütlich ist, ich gebe Kapitalismus und CDU einen Arschtritt, ich verlasse den vollgepupsten, warmen Sessel und besinne mich entgegen meiner Bestimmung.

Lasse mich vollregnen und vollschneien und vollsonnen und mache nichts.

 

Alles besser als das Alte.

Alles ungemütlich, aber besser.

Alles anders, alles neu.

 

Ich mache alles zum letzten Mal.

Ich bin zum letzten Mal in meiner Wohnung,

ich liege das letzte Mal in meinem Bett,

ich sehe zum letzten Mal meine Freunde und zum letzten Mal meine Familie,

aber ich spüre das nicht.

Das dringt nicht zu mir durch.

Das letzte Mal ist eine Illusion, die nur lebt, wenn man sie zum Leben erweckt.

Und sicher ist nichts.

 

Vielleicht komme ich auch zurück.

Vielleicht finde ich nicht, was ich meine zu suchen,

vielleicht suche ich gar nichts, was es hier nicht gibt,

vielleicht verliere ich, vielleicht ist es Gewinn.

Vielleicht.

 

Der Abschied fällt mir leicht.

Ich weiß nicht mehr, was mich mit dem allen hier verbunden hat,

das habe ich schon lange vergessen.

Leise Erinnerungen klopfen an, doch die sind kaum einen Gedanken wert.

Mein Leben ist bis heute gar nichts wert.

Und egal an wen ich denke, ich kenne niemanden, bei dem das anders ist.

 

Gefühllos betrete ich den Flieger.

Ich kann keine Freude mehr empfinden.

Ich hab nur noch eine Vorstellung davon, was Freude ist und die wartet in Canada auf mich.

 

Auf mich und meine Tasche,

auf mein Nichts und mein Alles.

Das Vielleicht über meinem Kopf, das beachte ich nicht.

Der Sitz ist nicht weicher als jeder andere,

die Luft ist nicht besser als jede andere,

die Menschen sind keine anderen als alle anderen.

Alles Illusion.

Alles Schein.

 

Zu welchem Ich kann ich zurückkehren, wenn ich alles aufgegeben habe,

alles umgedreht und umgekehrt und ins Gegenteil verkehrt habe?

Was bleibt, wenn ich alles, was mit mir zu tun hatte, verschwendet habe?

Kann ich dann etwas Neues werden?

Dieses Glück finden?

Oder wieder im selben Kreis landen, mit anderem Vorzeichen zwar, doch immer noch derselbe beschissene scheiß Kreis? Wer weiß?

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